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Warum Borderline bei Männern viel seltener diagnostiziert wird

Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung mit Borderline Typus wird bei Männern viel seltener diagnostiziert, als bei Frauen. Warum ist da so?

Borderline wird bei Männern trotz eindeutiger Anzeichen oft nicht erkannt

Den Grund dafür findet man, wie so oft, in unserer Gesellschaft:
Mann und Frau werden Eigenschaften zugeschrieben, die im gesellschaftlichen Konsens für das jeweilige Geschlecht „typisch“ sind.

  • Mann: stark, laut, einsilbig, wütend, pragmatisch, aggressiv, beschützend, erfolgreich
  • Frau: schwach, leise, gesprächig, besorgt, kompliziert, schlichtend, verletzlich, mütterlich

Wenn man sich die Liste so anschaut, erfüllen die Geschlechterrollen sehr schön ihre stereotype Gegensätzlichkeit.

Quelle: https://www.flickr.com/photos/wippetywu/7783029144

Borderline-Frauen fallen mehr aus der „Rolle“

Eine Frau, die scheinbar grundlos extrem emotional und zerstörerisch agiert, wird von anderen eher als „merkwürdig“ abgestempelt. Das Klischee eilt hier dem Zitat bereits voraus: „Mit der stimmt doch was nicht! Die ist bestimmt Borderlinerin!“.
Stellen wir uns nun einen Mann vor, der auf die gleiche Weise irrational handelt. Hier entsprechen (von außen betrachtet) bedeutend mehr Eigenschaften der typischen Geschlechterrolle, als im Beispiel zuvor. Männer werden halt mal laut und machen Ihrem Ärger gerne mal Luft. Da haut man auch mal eine Faust so lange gegen die Wand, bis sie blutet. Sogar eine Schlägerei lässt sich gerne mit dem „typisch männlichen“ Überschwang abtun.
Doch im Inneren entspringt das Leeregefühl, die Impulsivität und die emotionale Schwarz/Weiß-Sicht genau den gleichen seelischen Ursachen, wie beim weiblichen Pendant.

Borderline-Männer fallen genauso aus der „Rolle“, doch wird dies durch das gesellschaftliche Rollenmodell verschleiert und ihr Verhalten fälschlich normalisiert.

Häufigste Fehldiagnose: Depression und/oder Angststörung

Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine Krise in der Regel durch extreme Stimmungsschwankungen gekennzeichnet. Eine Phase mit stark negativem Affekt, gleicht einer schweren Depression. Diese ist, zusammen mit Suizidgedanken, meist auch Grund für das Aufsuchen einer Klinik.

Der Schrei
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Edvard_Munch

Fällt ein emotional instabiler Mann nun in eine behandlungsbedürftige Krise, liegt der diagnostische Fokus oft anders, als bei einer Frau. Ich spreche hier von dem Fall, dass keine super-offensichtlichen Merkmale vorliegen, wie z.B. viele Narben durch wiederholte Selbstverletzung.

Diagnostische Glücksache: Es kommt auf die Klinik an

Der stark negative Affekt (mit Suizidgedanken) wird dann als schwere unipolare depressive Episode diagnostiziert (was für den Moment ja auch richtig wäre, aber eben nicht generell).
Die dissoziativen und/oder psychiotischen Symptome und die stark negativen Gefühle (inkl. Angst) werden gerne auf eine komorbide Angststörung geschoben (z.B. Panikstörung).

Die Seele verlässt den Körper (Illustration, 1808)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Ferk%C3%B6rperliche_Erfahrung
Wenn man nun Pech hat, also in der falschen Klinik ist, bemerkt das Personal nicht, dass eure Stimmung bereits während des Klinikaufenthalts schwankt. Wenn es euch zwischendurch besser geht, schlagen in den Augen der Psychiater die Antidepressiva an. Derealisation, Depersonalisation und andere dissoziative Zustände oder Pseudohalluzinationen werden nicht ernst genommen oder auf die bereits gestellten Diagnosen geschoben.

Schlimmer geht immer: Bipolar mit rapid-cycling

Im schlimmsten Fall kommt möglicherweise noch ein ganz aufgeweckter Doc auf die Idee, ihr könntet Bipolar mit schnellen Wechseln sein, weil ihm eure Affekt-Schwankungen „semi-aufgefallen“ sind. Euer „Hoch“ hat aber einen Furz mit einer Manie zu tun und ist schon gar kein rapid-cycling!

Meine Erfahrung: Das war meine traurige Realität

Vielleicht fragt ihr euch an dieser Stelle, wie ich zu so konkreten Aussagen gekommen bin. Das liegt daran, das es mir selbst genauso passiert ist.

Schließlich hat man mir in einer anderen Klinik richtig zugehört und aufgrund der vielfältigen Symptomatik umfassende Diagnostik betrieben ( = „Kreuzchen machen ohne Ende“). Dies führte dann fast 7 Jahre nach meinem ersten stationären Aufenthalt zur Erst-Diagnose F60.31.


Community-Time! 🙂
Wie sind eure Erfahrungen mit den Kliniken?
Gab es bei euch ähnliche Schwierigkeiten und/oder Fehldiagnosen oder lief es glatt?
Schreibt mir in die Kommentare. Speziell freuen würde ich mich über das Feedback von männlichen Borderlinern.

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