fbpx
defrg.org

Das doppelte Selbstwertkonzept – Entstehung eines negativen Selbstbildes

Manche Menschen fühlen sich ohne Grund mal als Versager oder als Gewinner. Das Konzept des doppelten Selbstwert kann Antworten darauf liefern.

Dieses Erklärungsmodell hat mir dabei geholfen, mich besser zu verstehen – Für mich ein guter Grund, euch etwas darüber zu erzählen.

Kurze Darstellung des doppelten Selbstwertkonzepts

Bevor ich ans “Eingemachte” gehe, vorab eine kurze Erklärung, wie das doppelte Selbstwertkonzept grundlegend funktioniert.

Selbstbild & Selbstwert

Das Selbstbild ist die Vorstellung, die man von sich selbst hat. Der Selbstwert ist die Bewertung dieses Selbstbildes. Dieser variiert ab und zu, ist bei gesunden Menschen aber die meiste Zeit recht stabil.
Natürliche Schwankungen im Selbstwert werden normalerweise durch äußere Einflüsse verursacht und sind logisch erklär- und nachvollziehbar (z.B. Job verloren: negativ, Befördert worden: positiv).

Selbstwert x 2

Ihr ahnt es wahrscheinlich schon… manche Menschen haben gleichzeitig zwei verschiedene Wertvorstellungen von sich, jeweils in einer negativen und positiven Ausprägung.
Solche Menschen fühlen sich mal als Versager oder als Gewinner, ohne dass ein offensichtlicher äußerer Einfluss vorliegt, der dies logisch begründen könnte. Das Fatale daran ist, dass diese Wechsel des Selbstwertkonzepts unbewusst passieren. Die Betroffenen haben also keine Kontrolle darüber und sind den Wechseln unterworfen.

Das negative Selbstwertkonzept entsteht immer zuerst

Damit ein doppeltes Selbstwertkonzept überhaupt erst entstehen kann, muss sich zuvor ein negatives Selbstbild etabliert haben. Gehen wir nun also mehr ins Detail und beginnen wir mit der Frage, aus welchen Gründen ein Mensch ein negatives Selbstbild entwickelt.

Ursachen für die Entstehung eines negativen Selbstbildes

Wie etabliert sich ein negatives Selbstbild? Nüchtern betrachtet, muss man sich dafür einfach so lange wertlos fühlen, bis man schließlich zu der Überzeugung kommt, selbst der Grund dafür zu sein. In der Regel bildet man dann dazu passende negative Glaubenssätze.

“Es ist meine Schuld, dass ich nichts wert bin!”

Diese Glaubensätze oder Überzeugungen werden irgendwann Bestandteil der eigenen Persönlichkeit. Sie werden zu automatisierten unterbewussten Vorgängen. In der Psychologie bezeichnet man das auch als “Ich-Syntonie”.

Klingt kompliziert, ist aber vergleichbar mit Fahrradfahren lernen:
“Wenn man es lange genug übt, geht es irgendwann ganz von allein”.

Was muss passieren, damit ein negatives Selbstbild entsteht?

Dafür brauchen wir vor allem eine Menge Schamgefühle – Denn Scham ist die zentrale Negativ-Emotion, wenn es um den Selbstwert geht.

Die ganze Scham verteilen wir dann idealerweise großzügig über die gesamte Kindheit und Jugend. Damit erhalten wir sehr wahrscheinlich einen jungen Erwachsenen, der sich minderwertig und wertlos fühlt.

Das Gefühl von Scham mindert den Selbstwert.

Exkurs: Wie erzeugt man möglichst viel Scham in Kindheit und Jugend?

Die Möglichkeiten, Schamgefühle in uns auszulösen sind vielfältig und wohl jedem Menschen, sowohl als Opfer, als auch als Täter bekannt.

Nachfolgend typische Faktoren, die für viel Schamgefühl in der Kindheit und Jugend sorgen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Negatives Elternhaus (Viel Streit zwischen den Eltern, Scheidung, Alkoholmissbrauch, häusliche Gewalt, häufige Abwesenheit)
  • Negatives soziales Umfeld (Mobbing, soziale Ausgrenzung, Fehlen von Bezugspersonen, “falsche Freunde”, Gewalt, niedriger sozialer Status)
  • Negatives Selbsterleben (Erleben von Schwäche,Hilflosigkeit, Ohnmacht, Einsamkeit/Alleingelassensein)

Fehlende Bewältigungsstrategien machen die Seele angreifbar

Gesundes Lernen von Bewältigungsstrategien

Strategien zum Beenden und Bewältigen negativer Gefühlszustände lernt man meines Erachtens hauptsächlich durch Beobachten seiner Bezugspersonen (Modelllernen). In einem gesunden sozialen Umfeld wird einem das sozusagen “vorgelebt”.

Die typischen Strategien erscheinen trivial, trotzdem haben viele Menschen Schwierigkeiten damit:

  • Sich von den Emotionen befreien, z.B. durch Weinen / “Gefühle rauslassen”
  • Sich vom Auslöser distanzieren oder ihn konfrontieren (“Abschließen”)
  • Mit Bezugspersonen sprechen und sich austauschen / Verständnis und Mitgefühl erfahren

Klischee oder Fakt? Versäumt es das Elternhaus, entsprechende Bewältigungsstrategien zu vermitteln und/oder vorzuleben?

Was verhindert das Erlernen von Bewältigungsstrategien?

Bewältigungsstrategien können in einem invaliden sozialen Umfeld nicht richtig erlernt werden:

  • wenn nie jemand nachfragt, warum man schon wieder weinend aus der Schule kommt
  • wenn nie über den Umgang mit (negativen) Gefühlen gesprochen wird
  • wenn die Bezugspersonen selbst keine oder falsche Bewältigungsstrategien anwenden (z.B. Sorgen in Alkohol ertränken, sich mit dem Partner streiten, keine Kompromissbereitschaft)
  • wenn man in Folge nie angemessenes Verhalten im Umgang mit negativen Gefühlen beobachten konnte

In einem derartigen Szenario wird ein Kind oder Jugendlicher nicht angemessen auf negative Emotionen reagieren und diese nicht richtig bewältigen können.

Die Folge: Negative Gefühle werden verzerrt (z.B. durch Brückenemotionen), verdrängt oder gar abgespalten (dissoziiert). Dies hinterlässt seelische Narben, die immer wieder aufreisen können. Die negativen Erlebnisse und Emotionen liegen quasi unbearbeitet in einer Schublade, die geschlossen bleiben soll. “Wunde Punkte”, auch Trigger genannt, manifestieren sich.

Ein entsprechender Negativ-Reiz kann auch lange zurückliegende Narben aus der Kindheit wieder aufreißen und mit der vollen emotionalen Gewalt direkt in die Gegenwart holen.

Anhaltender starker emotionaler Stress setzt innerpsychische Notfallroutinen zum Schutz der Seele in Gang. Diese führen in der Regel zur Ausbildung verschiedenster psychischen Störungen als Bewältigungsstrategien.

Im Falle der doppelten Selbstwertkonzepts kommt es zur Ausbildung eines gegensätzlichen (positiven) Selbstwertmodells, das die Seele vor weiteren Angriffen und Schamgefühlen schützen soll.


…weiter geht es im zweiten Teil dieser Beitragsreihe, der das positive Selbstwertkonzept und den damit verbundenen inneren Konflikt behandelt. Seid gespannt!

 

Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen. Über Kommentare und Feedback zu diesem Beitrag würde ich mich sehr freuen! In diesem Sinne: “Don’t forget to defrag your brain!” 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.